Auftrag für eine genealogische Recherche aus den USA

Gestern erhielt ich das O.K. für eine genealogische Recherche zu den familiären Wurzeln eines US-Amerikaners, die mich vielleicht auch nach Limburg in das dortige Kirchenbucharchiv der katholischen Kirche führen wird. Ob Zeit bleibt für eine kleine Stadt- und Dombesichtigung?

Update: Acht Tage später konnte ich die ersten Ergebnisse mit einem Bericht abliefern. Aber in Limburg war ich noch nicht.

Hätten sie nur vor dem Wahltag gelesen

Schon ab dem Zeitpunkt, als Donald Trump beschloss nicht nur Politiker, sondern Präsident der USA zu werden und sich öffentlich dazu äußerte, kam mir einer meiner Lieblingsautoren aus dem Studium wieder in den Sinn: Sinclair Lewis – 1930 Literaturnobelpreisträger  – und sein vor 81 Jahren im Jahr 1935 erschienener Roman „It can’t happen here“ (Das ist bei uns nicht möglich). Er schildert, wie schnell sich ein Land von einer Demokratie in eine Diktatur wandeln kann, wie der populistische Senator Windrip zum Präsidenten der USA gewählt wird, nachdem er ein Klima der Angst geschürt und ökonomische wie soziale Reformen über die Rückkehr zu traditionellen Werten versprochen hatte.

Nach der Wahl hielt Herr Trump eine recht versöhnlich klingende Rede. Bleibt nur zu hoffen, dass er das durchhält. Denn da hat er nicht nur versprochen, der Präsident für alle – unabhängig von Religion, Rasse, Geschlecht – sein zu wollen, sondern äußerte auch die Absicht mit den Ländern der Welt zusammenzuarbeiten. Allerdings mit einer Einschränkung: America first.

Im Theater: Brechts Dreigroschenoper

Gestern Abend war im Ludwigshafener Pfalzbau das Thalia-Theater aus Hamburg zu Gast mit seiner Werkschau der Dreigroschenoper von Bertold Brecht. Die Inszenierung stammte von Antu Romero Nunes, einem Absolventen der Ernst-Busch-Hochschule in Berlin. Erinnert wurde der Zuschauer an Brechts Forderung, sich in erster Linie im Theater nicht zu unterhalten, sondern „abzuarbeiten“. Brecht war allgegenwärtig, da die Darsteller alle in Brecht-Montur auftraten, sich und ihre Arbeit kommentierten und kritisierten. Ein interessanter und oft witziger Ansatz (auch am Ende, als der reitende Bote auf einem wahrhaftigen Pferd auf die Bühne kam). Die einzelnen Bilder wurden von den Schauspielern beschrieben, das Publikum war aufgefordert, sich das selbst vorzustellen. Kurt Weills Musik und die Songs traten für meinen Geschmack dabei ein wenig zu sehr in den Hintergrund. Trotzdem aber ein gelungener Theaterabend, der anregte mal wieder selbst die Musik nachzuhören.

Kapitel einer genealogischen Spurensuche: Von Neuhofen nach Mundenheim

Das Acht-Großeltern-Projekt

Acht Großeltern haben wir in der Generaion der Urgroßeltern, nämlich die Eltern unserer väterlichen und mütterlichen Großeltern. Für ein Textprojekt eine anspruchsvolle Zahl und gleichzeitig ein interessantes Projekt: Dokumente recherchieren und die verschiedenen Leben nacherzählen. Und immer wieder interessant, was man aus den Urkunden alles herausholen kann. Es versteht sich von selbst, dass das Projekt eine fortschreitende Arbeit ist, es sich immer wieder inhaltlich verändern wird, weil mit neuen Erkenntnissen ergänzt. 

Die Familie Lenz

Lenz-Reithermann

1877, es ist der 19. Januar, ein Freitag, drei Uhr Nachmittags im noch eigenständigen Mundenheim (der heutige Stadtteil wird erst 1899 nach Ludwigshafen eingemeindet werden). Margaretha Lenz, geb. Reithermann bringt ein Kind zur Welt: Susanna Lenz. Zwei Tage später registriert der Vater Johannes Lenz das Kind beim Standesamt. Die katholische Taufe findet am 22. des gleichen Monats statt. Susanna wird heranwachsen und als 18-Jährige in einer Fabrik beschäftigt sein. Vielleicht in den 1891 gegründeten Raschig-Werken?

Johannes und Margaretha leben, zumindest in den letzten Lebensjahren, in der Bahnhofstraße 12. Dort stirbt Johannes am 5.4.1900.

Susanna war das jüngste Kind, sie hatte noch sechs Geschwister, die teils in Schwegenheim zur Welt kamen: Andreas (1866), Valentin (1868), Jakob (1870), Katharina (1873), Johannes (1874), Friedrich (1880).

Lenz-Sebastian/Lenz-Thoma

Die Familie Lenz stammte aus Neuhofen, der Wagner Michael Lenz, Susannas Großvater, war dort im März 1814 zur Welt gekommen. Er heiratete 1842 Catharina Sebastian in Mundenheim, wo er als Wagner seinen Wohnsitz hatte. Doch die Ehe war nur kurz, da Catharina zwei Jahre später starb. Ein Paar jedoch müssen sie jedoch schon seit mindestens sieben Jahren gewesen sein, denn der gemeinsame Sohn Johannes wird schon am 17.11.1835 in Mundenheim geboren. Der 21-jährige Vater, noch in Neuhofen wohnhaft, lässt das Kind ordnungsgemäß beim Standesamt registrieren. Diese Niederkunft wird auch Geburtsort der ledigen Mutter aufgezeichnet, sie stammte aus Schwegenheim. Im Randvermerk des Geburteneintrags erfahren wir, dass „Obiger Johannes (…) in dem am 14.6.1842 zu Mundenheim aufgenommenen Heiratsact (Nummer 8 des  Registers) seiner Eltern Michael Lentz und Katharina Sebastian anerkannt und legitimiert“ wurde.

Nun stellt sich die Frage, was die beiden von einer früheren Heirat abhielt? Nach damaligem Recht war Michael noch nicht großjährig, bis zum Alter von 25 Jahren benötigte er die Einwilligung des Vaters zur Eheschließung.  War der Vater nicht mehr am Leben, hatte die Mutter das letzte Wort. Wir wissen noch nicht, wann Michaels Vater in Neuhofen starb. Es muss vor 1842 gewesen sein, denn als der Sohn 1842 seine Catharina heiratete, war der Vater schon tot. Mutmaßlich hatte Johannes auch einen Militärdienst zu absolvieren, denn er legitimiert sich bei der Heirat mit dem Militärpass. Beides könnten also mögliche Hindernisse auf dem Weg in die Ehe gewesen sein. Genau klären lässt es sich ohne weitere Unterlagen nicht. Ebenso offen bleibt noch, ob Catharina noch mehr Kinder gebar.

Der Witwer Michael Lenz heiratet noch im Todesjahr der Ehefrau erneut, wieder in Mundenheim: die ledige 38-jährige Elisabeth Thoma. Michael selbst wird am 3.7.1888 als Witwer sterben, und zwar laut Sterbeeintrag „in des Anzeigenden Behausung“. Johannes Lenz hatte den Tod angezeigt, also kann davon ausgegangen werden, dass der Vater beim Sohn lebte. Seine zweite Ehefrau Elisabeth war ihm am 21.10.1879 vorausgegangen.

Michael Lenz Nachkommen

Michael Lenz Nachkommen

Die Hexe, die keine war: Die Mathematikerin Maria Gaetana Agnesi

Die italienische Renaissance macht ihrem Namen alle Ehre, denn sie eröffnete auch Frauen den Zugang zu den Wissenschaften. Ein Beispiel ist die wegen eines sprachlichen Missverständisses manchmal auch “Hexe von Agnesi” genannte Mathematikerin und Philosophin Maria Agnesi. Sie wurde am 16. Mai 1718 geboren.

Als Tochter eines Mathematikprofessors bezeichnen sie die meisten Quellen. Vielleicht war er auch Kaufmann, wie eine 1900 erschienene Biografie vermeldet, in der zum ersten Mal der schriftliche Nachlass Maria Agnesis ausgewertet worden sein soll.

Sie war die Älteste von 21 Geschwistern und wurde früh gefördert. Man sprach von ihr als Wunderkind, beherrschte sie doch mehrere Sprachen: Mit 5 Jahren Französisch, mit 9 Jahren Griechisch, Latein und Hebräisch, dazu sagte man ihr Kenntnisse in weiteren verschiedenen modernen Sprachen nach. Ebenfalls mit 9 Jahren soll sie eine Abhandlung auf Latein verfasst haben, in der sie sich mit der Bildung von Frauen beschäftigte. Ob dies wirklich so zutraf, kann nicht geklärt werden. Unbenommen aber ist Maria Gaetana Agnesis intellektuelle Begabung und Bildung. Man muss kein Wunderkind sein, um das Recht auf einen Platz in der Geschichte zu haben.

Ihre Erfolge

1738 wurde ihre Schrift Propositiones philosophicae publiziert. Es handelte sich um 191 Thesen, entstanden auf der Basis des wissenschaftlichen und intellektuellen Diskurses im Haus ihrer Eltern, einem beliebten Treffpunkt der akademisch Gebildeten und der hohen Gesellschaft. Kaum eine Naturwissenschaft sparte sie in den Thesen aus: Mechanik, Wärmelehre, Akustik und Optik, Astronomie, Meteorologie, Geologie, Chemie, Biologie und Physiologie gehörten dazu. Das Hauptbeschäftigungsgebiet der junge Frau war aber die Mathematik, zu ihrer Lektüre gehörten Größen wie Newton, Leibniz, oder Descartes.

1738 veröffentlichte sie ein Lehrbuch der Analysis, welches als ihr wichtigstes Werk bezeichnet wird. Gewidmet war es der Kaiserin Maria Theresia, die sich mit einem wertvollen Geschenk bedankte. Agnesi hatte 10 Jahre an dem zweibändigen Werk mit dem Titel Instituzioni analitiche ad uso della gioventù italiana (Lehrbuch der Analysis für die italienische Jugend) gearbeitet. Es beschäftigt sich mit der Differential- und Integralrechnung und stellt eine methodische Ordnung der Analysis und eine Systematisierung der analytischen Geometrie dar. Noch heute spricht man von der “Agnesi Kurve”, auch “Versiera” genannt. Hier ist auch der Grund für das oben erwähnte sprachliche Missverständnis zu finden: “Versicra” bezeichnet im Italienischen “Hexe”. Auch wenn einer anderen Theorie nach der Name der Kurve auf Guido Grandi zurückgehen kann, mindert dies in keiner Weise Agnesis mathematische Fähigkeiten. Schließlich war sie es, die die Arbeit des Lehrbuches auf sich nahm und das Wissen der Zeit darin sammelte.

Dies wussten auch die Zeitgenossen und beriefen sie 1746 zu einem Mitglied der Akademie der Wissenschaften zu Bologna. In Frankreich wäre man diesem Beispiel gerne gefolgt, sprach man voll Achtung von ihrem Werk. Doch eine Berufung in die Akademie war nur Männern vorbehalten. Auch Papst Benedikt XIV. unterstützte Maria Agnesi und verhalf ihr 1750 zu einer Berufung an die Universität von Bologna, das seinerzeit zum Kirchenstaat gehörte. Ob sie diese Professur jemals ausübte und lehrte, muss hier ungeklärt bleiben: die Quellen variieren wieder einmal.

Gesichert ist allerdings, dass sich Maria Agnesi spätestens nach dem Tod ihres Vaters aus den Wissenschaften zurückzog. Schon von Anfang an hatte sie mit dem Gedanken an ein Leben als Nonne gespielt, wovon die Eltern sie aber zurückhalten konnten. Der Vater starb 1752 und Maria Agnesi widmete ihre Zeit und Kraft nun den Alten und Kranken. Diese soziale Tätigkeit übte sie bis zu ihrem Tod am 9.1.1799 aus.

Ein ausführliches Buch zu Maria Agnesi verfasste Massimo Mazzotti.

Zum Tod von Erika Fuchs, geb. Steinschneider

Kurz nach ihrem Geburtstag starb Erika Fuchs, einzige Tochter und Kind des Hellsehers Erik Jan Hanussen – bürgerlicher Name Hermann Steinschneider –, im Alter von 96 Jahren. Angesichts eines Interviews im Jahre 2007 lernte ich Frau Fuchs persönlich kennen. Zwei Stunden dauerte das Gespräch, in dem mir eine 87-Jährige gegenübersaß, die hellwach und resolut das Thema abblockte, an dem mein britischer Auftraggeber am meisten interessiert war: die 1930er-Jahre des Hellsehers bis zu seiner Ermordung:

Das Wort ‚Nazi‘ und der Tod meines Vaters, die Politik; mit dem will ich nichts zu tun haben, das ist ein Argument, das ich nicht mit Ihnen verhandeln werde.

Das saß! Interview zu Ende noch bevor es begonnen hatte!

Glücklicherweise aber ließ sie sich auf ein Gespräch ein und wir verbrachten zwei komplette Stunden miteinander, in denen sie über ihren Vater abseits der Politik und ihren eigenen religiösen Glauben sprach. Die ehemalige Schauspielerin fühlte sich mit ihrem Vater so eng verbunden, dass sie vor wichtigen Entscheidungen immer von ihm geträumt habe und sich unterstützt fühlte. Zuletzt gesehen hatte sie Hanussen bei seinem Besuch in Meran im Herbst 1932, die Tochter war zwölf Jahre alt. Die Erinnerung an diese Woche, in der sie von der Schule befreit war und jeden Tag mit dem Vater verbrachte, trug sie durch ihr Leben:

Er wird mich bestimmt holen und mir helfen, deswegen macht mir der Tod auch keine Angst.

Frau Fuchs wurde am 3. Oktober 2016 in Meran bestattet. Eine Biografie, entstanden aus Gesprächen mit Frau Fuchs, schrieb Delia Müller: Das bittere Erbe.

Foto: ©Waldemar Pelich, alle Rechte dort (www.pelich.de)
Erika Fuchs im Oktober 2007

Erika Fuchs im Oktober 2007